Reisebericht

Reisebericht: DER GROSSEN ZINNE AUF'S DACH GESTIEGEN 4 Punkte bei 12 Bewertungen

1. Tag – Parkplatz oberhalb der Auronzo Hütte

Nick Cave meldet lautstark aus den Lautsprecherboxen: “It's a wonderful, wonderful thing. It's a wonderful life”. Er hat ja so recht.
Auch wir finden es wunderbar, auf unseren Campingstühlen lümmelnd und die Beine bequem ausgestreckt auf der höchsten Leitplanke dieser Region, fern zu sehen. Auf dem Programm: Abendstimmung über Dolomitenspitzen. Mit Hasserödern im Arm lassen wir die anstrengende Anreise und den ersten Felskontakt Revue passieren.
Am gestrigen Abend gegen 19 Uhr gestartet, stießen unterwegs zwei Mitfahrer dazu, die uns bis Innsbruck angenehme Reisebegleiter sein sollten. Ihr Obolus verhalf außerdem die unangenehm hohen Spritkosten in die Schranken zu verweisen.
Die Nacht hatte alle Schatten verloren, als ich gegen 5.30 Uhr das Auto um die letzte Haarnadelkurve lenkte. Genau im Zeitplan hatten wir die noch unbesetzte Mautstelle hinter dem Misurinasee passiert und waren völlig erschöpft in die Schlafsäcke gekrochen.
Nach drei Stunden ist die Nacht vorbei: Fast gleichzeitig mit dem klingeln eines Handys biegt ein betagter Fiat auf den Parkplatz. Der Schwung, mit dem ihm ein uniformierter Mitfünfziger entsteigt, lässt Ärger erahnen. Und richtig: Mit 20 Euro Buße sind wir dabei. Zufrieden rollt der Fiat in eine tiefer gelegene Parktasche und wir haben eine Lektion gelernt: Wenn schon Betrugsversuche an der Mautstelle, dann besser untertauchen und nicht am höchsten Punkt der Strasse promenieren.
Die zweite Lektion ist für mich bestimmt: Wir befinden uns etwa 2300 Höhenmeter über heimischen Verhältnissen. Nach einer durchlenkten Nacht kann ich zwar locker zum Klo der Hütte absteigen – die 50 Höhenmeter wieder zurück zum Parkplatz lassen mich jedoch pumpen wie den berühmten Maikäfer.
Gegen 12 Uhr werden wir wagemutig und raffen uns zu einer Eingehtour auf den Paternkofel auf – 1,5 Stunden leichter Wanderweg bis kurz vor die Drei Zinnen Hütte, dann auf alten Kriegspfaden und durch ebensolche dunkle Tunnel zum Einstieg des Nordwestgrates – eine Route im dritten Schwierigkeitsgrad. Nach zwei unangenehm brüchigen Seillängen in einer Rinne quert der Weg zu einer luftigen Kante. Von jetzt an ist die Tour reinster Genuss – gewürzt mit einer Traumaussicht auf die gegenüber aufragenden Zinnen.
Der Gipfel beschert neben dem Kreuz auch Reste einer Artilleriestellung. Der erste Gedanke: Wie verrückt im Kopf muss ein Militär sein, seinem Fußvolk zu befehlen, in einer solchen Hochgebirgskulisse Krieg zu führen? Der Paternkofel war 1915 einer der am härtesten umkämpften Berge der Dolomitenfront. Heute scheint die Abendsonne in unsere Gesichter und Krähen umkreisen in Ruhe tief unter uns ihr Revier. Dort in der Scharte verläuft unser Abstieg, der „De Luca - Innerkofler Klettersteig“.
Als Bergführer hatte „Der Sepp“ (Innerkofler) bereits Klettergeschichte geschrieben. Daneben war er auch Wirt der Dreizinnenhütte und kannte die Umgebung besser als jede Hosentasche. Freiwillig – so die Überlieferung – führte er im Juli 1915 ein Himmelfahrtskommando zu den feindlichen Italienischen Stellungen auf den Gipfel. Im Alter von 50 Jahren sollte es seine letzte Kletterei sein. Ironie des Schicksals: Seinen Gegenüber auf feindlicher Italienischer Seite, Piero de Luca mit Namen, hatte er Wochen zuvor aus den Wänden der Großen Zinne gerettet, als dieser sich bei einer Erkundung verstiegen hatte. In Erinnerung an die beiden auf Leben und Tod verbundenen Akteure, trägt der historische (Kriegs)Klettersteig beide Namen.
Wir verlassen, von Abendsonne geblendet, den Steig und stehen gegen 19 Uhr neben dem „Rifugio Tre Cime“ Zeitgleich wird am Hang gegenüber eine überdimensionale Postkarte mit dem berühmtesten Dolomitenanblick entrollt. Fast unglaublich: Niemand will diese Show sehen. So wandern wir allein - immer mit Blick auf das morgige Ziel unserer Begierde – in Richtung Parkplatz und baden unser Frohgemut im Harzer Hopfentee.

 

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2. Tag – Parkplatz oberhalb der Auronzo Hütte

So leicht lassen wir uns von einem italienischen Parkplatzwächter nicht ausnehmen! Zwanzig Euro sind geblecht – darin besteht kein Zweifel. Aber wenn wir jetzt einige Tage an Ort und Stelle durchhalten, macht sich die ungeliebte Investition durch günstige hygienische Entsorgungs- verhältnisse einigermaßen bezahlt.
Schade dass wir keine Zeit haben, den ganzen Tag in unseren Campingstühlen zu lungern und auf den verachteten Fiatfahrer hinab zu sehen. Nein wir müssen hoch hinaus.
Heute steht die Große Zinne auf dem Programm. Alter Weg – oder wie es hier heißt „Normalweg“. Wir sind wieder spät dran. Auf dem Pfad vor uns serpentinieren 3-4 andere Seilschaften. Später werden wir uns noch öfter begegnen.
Da wäre z.B. ein Bergführer mit seinen Kunden: Ein sonnengegerbter Mitfünfziger strahlt bei seinem ungesicherten Aufstieg absolute Ruhe aus und gibt auch uns gönnerhaft Tipps zum Wegverlauf. Ihm im Schlepptau folgt ein Pärchen, welches offensichtlich nur unter größter Anstrengung dem Tempo zu folgen vermag. Als ich merke, dass weder Zeit zum fotografieren noch zum trinken bleibt, wird mir klar, dass die Wechselführung beider Seilschaften einem Wettkampf gleicht. Wir hatten im Einstieg die „Dreistigkeit“ besessen, uns durch seilfreien Einstieg einen kleinen Vorteil zu verschaffen. Das lässt kein Tirolerhut auf sich sitzen. Ich kann gut damit Leben, dass wir irgendwann ab dem Mittelteil der Wand nur noch die Kommandos dieser Seilschaft vernehmen – jetzt macht auch mir wieder das Klettern Spaß.
In der letzten Seillänge vor dem Gipfel verfällt mein Vorsteiger in Gelächter. Er bekommt sich gar nicht mehr ein, hat er doch an der Schlüsselstelle der Tour einen angeklebten Stein entdeckt. Die berechtigte Frage: Ist dieser Stein ein künstliches Hilfsmittel? Sicherheitshalber und um ja nicht in ethische Kletterkonflikte zu geraten, queren wir oberhalb der Klebestelle den Fels.
Auch wir kommen auf dem Gipfel an und haben ihn dank später Uhrzeit erst einmal für uns allein. Das ist sie also, die größte der Zinnen – auf Zehenspitzen stehend, schnuppern wir hart an der 3000m Marke Höhenluft. Spätestens hier oben gratulieren wir uns selbst für die gute Idee, den Aufstieg erst einmal auf dem leichteren Weg probiert zu haben. Sollten wir morgen früh tatsächlich in die Dibona-Kante einsteigen, werden wir erheblich mehr Zeit bis zum Gipfel benötigen und froh sein, wenn wir uns auf dem Abstieg orientieren können.

 

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3. Tag - Parkplatz oberhalb der Auronzo Hütte

Meine Meindl - Bergschuhe sind wasserdicht. Selbst das Wasser, das heute von oben über Kragen, Bauchnabel und Hosenbeine in den Schuh gelaufen kam blieb drin. Gute Qualität.
Beim Ausschütten stelle ich anerkennend fest: Für einen Kaffee hätte das Schuhwasser gereicht. Nur auf die darin aufgelösten Panikproteine habe ich keinen Appetit. Deshalb schlage ich meinem Spezi ein heißes Hasseröder zur inneren Erwärmung vor. Er denkt ich spinne, akzeptiert aber den Hinweis auf alte Hausmittel. Heute kostet der erste Schluck noch reichlich Überwindung. Morgen wird er nicht mehr den Mund verziehen und von ganz allein fragen, ob ich ihm wieder ein Bierchen heiß mache.
Jetzt ist durchatmen angesagt. Den Tag in der Dibona-Kante werden wir so schnell nicht vergessen. Zwischen 14 und 18 Uhr gab es für uns nichts, aber auch gar nichts zum lachen. Mein Retter hat dazu selbst einen Bericht verfasst, den sich der geneigte Leser weiter unten zu Gemüte führen kann.
Ich schaue in den Autospiegel ob sich das Grau in den Haaren vervielfacht hat – so etwas soll es in Extremsituationen ja geben. Male mir dabei unsere Frauen aus, wie sie ihre ergrauten Männer in die Arme schließen. Nein Glück gehabt, wir sehen beide aus wie immer und können das Geld für die Tönung beim Barbier sparen.
Von unserem Parkplatz sehen wir die Männer der Bergwacht weiter auf Beobachtungsposten. Für alle Seilschaften scheint der heutige Tag offensichtlich noch nicht ausgestanden.

 

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4. Tag - Parkplatz oberhalb vom Pordoijoch

Nach einem Tag wie dem gestrigen, bekommt uns heute kein Parkplatzwächter aus dem Bett. Um 9 Uhr, die heutigen Gipfelaspiranten sind lange unterwegs, beginnen wir mit einer ausgedehnten Frühstückszeremonie. Nur unterbrochen durch wenden eines der in der Sonne ausgelegten Kleidungs- oder Ausrüstungsgegenstände, verbringen wir den Vormittag faultierähnlich an unserem Bau.
Irgendwie ist die Luft raus, ein Ortswechsel fällig. Wir warten noch den Nachmittag ab. Da kein Vorbeikommender ernsthafte Kaufabsichten zeigt, packen wir alles wieder ein und verlassen die Zinnen auf der Dolomitenparadestrasse Nummer 1.
Vom Pordoi-Pass in 2240m Höhe zweigt eine schmale Strasse zu einem Kriegerdenkmal ab. Davor können Klettersteiggeher des „Cesare Piazzetta“ ihr Auto günstig abstellen – so steht es im Internet. In der Realität wird an der Strasse gebaut und die Einfahrt ist „bis auf weiteres“ gesperrt. Als die wenigen Arbeiter zum Feierabend blasen, fahren wir los. Der Plan funktioniert.
Mit einem nachfolgenden französischen Pärchen haben wir einen wunderschönen Aussichtsschlafplatz mit Quelle für uns allein. Nur das grosse, düstere Bauwerk verschandelt die Landschaft. Ich kann mir nicht vorstellen, das die über 8000 Gefallenen gefallen finden an ihrem letzten Ruheplatz. Für die "Helden des ersten und zweiten Weltkrieges" hat eine aus Deutschland kommende Organisation dieses Granitgebilde errichtet. Beim studieren der ausliegenden Prospekte werde ich das Gefühl nicht los, das hier jemand die schlimmsten Jahre Deutschland verherrlicht statt mahnend daran gedenkt.

 

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5. Tag - Parkplatz oberhalb vom Pordoijoch

Parkplatzwächter scheinen bei dieser Reise unser Fluch zu sein. Gerade eben niest uns der Denkmal-Hausmeister zusammen: Was wir hier zu tun hätten, ob wir das Verbotsschild nicht gesehen hätten und überhaupt in 30 Minuten sollen wir verschwunden sein. Wir bedanken uns recht herzlich für diese freundliche Auskunft und sind in 3 Minuten weg. Wollten sowieso gerade los fahren.
Das Tagewerk ist mit der Besteigung des Piz Boe (3152m) über den Klettersteig bereits vollbracht. In der Beschreibung steht „sehr schwer“ und das ist nicht übertrieben. An den ersten 50 Metern dürften schon einige Aspiranten gescheitert sein. Mein Kletterpartner, wie immer locker vom Hocker vornweg. Aber danach folgt erstmal nichts. Und erst viel später dann endlich meine Wenigkeit, mit völlig platten Armen und einer beschissenen Fußtechnik (Originalton des Vorsteigers). Als ich pumpend auf der Hochebene ankomme baut er gerade einen großen Steinmann. Der Typ spinnt doch. Das macht der doch nur, um mir zu zeigen wie schwächlich ich bin. Denke ich, bis ich in das nähere Umfeld des Steinmanns gerate und gleich wieder flüchte. Es riecht gewaltig nach Katzenklo.
Das wir heute noch einen Ortswechsel nach Österreich vornehmen war klar. Das diese Fahrt mit 250km über Landstrassen bis 21 Uhr dauern wird – na ja damit haben wir nicht gerechnet. Kartoffelsalat und Aldi-Wiener werden entsprechend spät zu Fuße des Hochkönigs serviert. Und schnell geht es in die Koje – morgen früh heißt es zeitig aufstehen.

 

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6. Tag - Parkplatz am Dienter Sattel

Mein Wecker sollte um 6 Uhr klingeln, schon 15 Minuten vorher tapsen die ersten Bergsteigerstiefel am Auto vorbei. Überhaupt war es in der Nacht ungewöhnlich laut auf dem Parkplatz. Jetzt sehen wir auch warum: Zwei Zelte und ungefähr 10 Autos mit gerade erwachenden Insassen waren gestern Abend noch nicht hier.
Alle wollen nur den einen. Den berühmtesten Klettersteig der Berchtesgadener Alpen - „Königsjodler“ genannt – „machen“. Als wir zweieinhalb Stunden später am Einstieg des Klettersteigs in 2300 Meter Höhe stehen, sind wir nicht die Ersten und lange nicht die Letzten. Heute werden bestimmt 50 Kletterer die 1700 Klettermeter in Angriff nehmen und spektakulär kleine und größere Schluchten überwinden. Wer sich Appetit auf dieses Abenteuer holen möchte, dem sein ein kurzer Film bei Youtube empfohlen.
Knapp fünf Stunden dauert das Stahlseilabenteuer und verdient das Prädikat: Atemberaubend.
Im Matrashaus auf dem Hochkönig (2941m) gönnen wir uns um 15 Uhr ein Gipfelbier. Mein Kopf signalisiert: Hohe Stammwürze. Mein Gott, wir sind so fertig, das wir gar nicht mehr brauchen. Gut so, weil ziemlich teuer hier.
Besser wäre gewesen, sich noch mal mit dem Wirt über den Rückweg auszutauschen. Der hätte uns mit Sicherheit vom Abstieg über das Birgkar abgeraten. Leider vertraue ich einem Klettersteiggeher der „Passt schon, kein Problem, etwas Schnee aber easy“ über das Birgkar zu berichten weiß.
Und selbst einen anderen Weg zum Tal benutzt. Das merken wir schon im oberen Teil des Abstieges weil die wenigen vorhandenen Spuren im reichlich vorhandenen Steilschnee eher alt sind. Nein wir sind die einzigen heute, die die falschen Leute gefragt haben. Um dem Schnee auszuweichen geht es über extrem rutschiges Geröll, die Steine poltern ins Tal und ich bin mir keiner Schuld bewusst, hier geht nichts. Das wir zwischendurch den Weg völlig aus den Augen verlieren ist nicht weiter
tragisch, hier gibt es sowieso nichts, was die Bezeichnung Steig oder Weg verdient hätte.
Nach drei Stunden sieht das Tal immer noch so klein aus wie zuvor. Ich bin nicht nur physisch ziemlich fertig sondern habe auch eine gehörige Portion Wut im Bauch. Mir kommt die Gefährlichkeit der Situation ähnlich wie vor drei Tagen an der Dibona- Kante vor. Mein Partner beschwichtigt, er kennt sich in steilem Gelände besser aus, hat Vertrauen auf die Reibung seiner Schuhsohlen und noch immer flotte Sprüche auf Lager.
Erst am letzten Schneefeld ist damit Schluss und der Grund bin ich. Ganz offensichtlich überfordert mich die Hosenbodenabfahrt ins Tal. Könnte ich noch klar denken, würde ich die Stöcke als Bremse benutzen. Blöderweise hängen diese schlaff und nutzlos an meinen Armen herunter und ich versuche rudernd mich mit den Händen in den Schnee zu krallen.
Wenigstens funktioniert der Selbsterhaltungstrieb: Egal wie – Du gehst hier langsam und bedächtig auf allen vieren runter und kommst in keinem Fall ins rutschen. Dreißig Minuten später verliert Spannemann die Nerven. Er stapft am Rand des Schneefeldes bergauf und fordert meinen Rucksack.
Das werden die letzten Worte bis zur Ankunft am Auto um 23 Uhr aus seinem Munde sein. Auch ich beschließe zu schweigen und renne so schnell wie möglich hinter ihm her. Und verkneife mir die neunmalkluge Behauptung: Es sei besser an der Alm abzusteigen und auf der Strasse weiter zu laufen.

 

7. Tag - Parkplatz auf der Autobahn kurz vor Nürnberg

Mitfahrer haben wir heute keine – schlecht für unsere Urlaubskasse, gut für unser Kommunikationsproblem. Anfänglich bearbeiten wir es wie echte Männer: Schweigen und den eigenen Gonzo streicheln. Auf die Dauer ziemlich blöd - deshalb kramen wir Gelerntes über gelingendes zwischenmenschliches Verhalten aus dem Gedächtnis. Da wäre z.B. die Frage nach den Befindlichkeiten des Freundes. Und siehe da, innerhalb von wenigen Minuten ist der Bann gebrochen und der Sachverhalt von beiden Seiten ohne Wertung des jeweiligen Zuhörers dargelegt. Um die Wunde endgültig abzudecken schlägt der Freund ein warmes Mittagessen auf dem nächsten Parkplatz vor.
Fischsuppe möchte er gern kochen. Letztendlich ist es wie immer: Der Möchtegernkoch ist nach dem öffnen der Fischbüchse erschöpft und schläft friedlich auf der Parkplatzbank ein. Ich wecke ihn zum prima Mittagessen mit frisch aufgebrühtem Kaffee…

 

3 Tage später - Schreibtisch zu Haus

Mein Freund hat mir heute seine Dibona-Kanten-Geschichte zum lesen gegeben. Donnerwetter, das ging ja schnell. Um nicht nachzustehen, fange auch ich gleich an unsere Erlebnisse der Woche in Sätze zu fassen. Als erstes interessiert mich aber, was andere über das Birgkar zu sagen haben und befrage das Internet:

Der Hüttenwirt vom Matrashaus schreibt am 06.07.2008:
„Von einem Abstieg übers Birgkar ist z. Z. dringen abzuraten. Erst letzte Woche hat es dort einen tödlichen Unfall gegeben.“

 

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"Die Dibona-Kante" - Geschrieben von meinem Freund J.B.:

Am Mittwoch, den 02.07.08 machten wir uns gegen 4.30 Uhr auf die Socken um der Großen Zinne über die Dibona-Kante aufs Dach zu steigen. Der Weg vom oberen Parkplatz über den Zinnensattel zum Einstieg ist uns schon vertraut und bald geschafft. Die Morgensonne taucht die Zinnen in ein warmes, malerisches Licht. Das Wetter verspricht wunderbar zu werden. 6.00 Uhr geht es los. Als erste Seilschaft am Einstieg sind wir vor Steinschlag sicher. Über ein Restschneefeld querend erreiche ich den Einstieg, einen 4er Kamin.
Nach 3 Seillängen legt sich langsam die Nervosität und Routine zieht ein. Wir kommen gut voran und liegen gut in der Zeit. 13.00 Uhr kurze Mittagsrast. Das Wetter unverändert schön, nur ein paar kleine Wolkenfetzen umschmeicheln die Felsen. Mir ist wie leichtes Nieseln. Weiter geht’s, wir wollen ja nicht bummeln. Vorsteigen, Seil einholen, Nachholen, Material übernehmen, Vorsteigen …

Irgendwann, vermutlich nach 14.00, wird es plötzlich dunkel und beginnt zu hageln. Erst ein nur wenig, dann heftiger, vermischt mit Regen. Der Kalkstein wird fleckig, wird nass, bald rieseln erste Rinnsaale durch die Füße, schließlich stehen wir im Wasser. Die leichteren Kletterstellen zwischen den Felsbändern sind natürlich auch die Wasserläufe. Wasser, überall Wasser.
Jetzt nur nicht beeindrucken lassen, hinauf, hinauf. Beim vorsichtigen Aufrichten in einem Wasserlauf, die Hände noch im Wasser, durchzuckt es mich heftig, der nachfolgende Donnerschlag bringt Gewissheit. Getroffen. So fühlt sich das also an, wenn der Blitz in den Gipfel fährt und die Ströme über alles Leitende nach unten schickt. Bis zum Gipfel hinauf sind es aber bestimmt noch geschätzte 200 m. Was tun? Weiter aufsteigen? Abseilen?
Abseilen dauert sicher ewig, falls es überhaupt gelingt. Bestimmt länger als hoch zum Gipfel zu flüchten und über den Normalweg abzusteigen. Den kennen wir außerdem von der Besteigung am Vortag ganz genau.
Die Seilschaft gegenüber an der kleinen Zinne hat es besser. Die haben sich einfach in einer großen Höhle in der Wand versteckt, warten auf Wetterbesserung und schauen unserem Treiben zu. Zwar regnet es weiter, aber das Wetter wird augenscheinlich etwas besser und das Gewitter tobt sich über den Nachbargipfeln aus.
Also gut. Weiter hinauf. Flucht nach vorn. Wir schaffen den Gipfel. Weit kann es nicht mehr sein. Aber das Gelände wird zusehens steiler, die Bänder schmaler, unheimlich. Wenn nur dieser Zeitdruck nicht wäre. Kein Haken mehr weit und breit. Haben wir uns verstiegen? Querung nach links: Schweres Gelände, kein Chance da durchzukommen. Querung ganz nach rechts: das könnte gehen.
Stände müssen improvisiert werden, Friends, Keile und Schlingen herhalten. Der Fels ist griffig und wenn man mit sauberer Fußtechnik steigt, geht es auch auf dem nassen Kalk sicher voran. Ach und da sind ja auch wieder zwei nette geschlagene Felshaken. Wir sind also auf dem rechten Pfad der Tugend und zum Gipfel.
In der Mitte zwischen zwei Haken, ich bastele, gerade an einer Knotenschlinge, weil’s schwer wird, holt uns das Unwetter mit voller Wucht wieder ein. Es hagelt wie blöd. Containerweise Eiskörner und mit einer Wucht, das es unerträglich ist. Balancierend auf einer Zacke warte ich, dass es nachlässt, dass es besser wird.
Es wird nicht besser. Nach oben spähen, nach den nächsten Griffen oder wenigstens danach tasten ist völlig unmöglich. Aus dem Steinschlaghelm wird ein Hagelschlaghelm. Also abwarten, ausharren. In unbequemer Position an senkrechter Wand. Die Rinnsaale schwellen an zu tosenden Gebirgsbächen, die sich rauschend in Kaskaden über die Ostwand ergießen. Dummerweise stehe ich unter einer Kaskade und komme einfach nicht weg. Binnen Sekunden bin ich durch. Das Wasser läuft oben rein, unten raus. Der Körper wehrt sich mit unwillkürlichen Zuck- und Zitterreflexen gegen die Auskühlung. Und über uns das ohrenbetäubende Donnergrollen.
Verdammte Scheiße, Schluss jetzt, Schnauze voll, ich komme hier wirklich nicht mehr weiter. Weitergehen wäre Wahnsinn. Jetzt geht’s ums nackte Überleben. Flucht, Flucht nach unten.
500 m Abseile, so schnell es nur geht: Den Einbindeknoten vom gelben Halbseil mit steifen, zittrigen Fingern irgendwie auffummeln, dauert ewig. Seil durch den waagerechten Felshaken fädeln und beten dass der hält. Wieder einbinden und 10 m langsam ablassen auf Höhe des letzten Hakens, Sicherungsmann auf dem Band herübersichern und Selbstsicherung einhängen. Karabiner zuschrauben! Jetzt bloß keinen blöden Fehler machen, Ruhe bewahren, Ruhe und Zuversicht ausstrahlen, konzentrieren, kontrollieren und schnell machen.
Mein Partner kann keinen klaren Gedanken mehr fassen. Ist am Ende. Klare Ansagen sind nötig. Angst, Panik in seinen Augen. Die Bänder sind weiß vom Hagel. Das Abseilen beginnt, eine Reise ins Ungewisse. Auf der Suche nach rostbraunen Haken auf nassgrauem Fels mit regennasser Brille. Nur Mut. Es gibt keine Wahl, also los jetzt, hinein ins Vergnügen.

Es war wohl Kurz vor dem Ende der zweiten Abseile, als: Zong. Erneut fegt ein Stromstoß durch meinen tropfnassen Körper. Kein Wunder, der ganze Berg ist rauschendes Wasser. Jetzt ist der Spaß endgültig vorbei. Wir riskieren hier wirklich Kopf und Kragen. Schnellstens runter von diesem unheimlichen Blitzableiter..
Und das Gewitter tobt weiter über unseren Köpfen. Meist lässt sich ja gerade rechtzeitig ein Haken oder eine alte Standschlinge durch den Regenschleier erspähen oder an markanten Stellen gezielt danach suchen. Bei den geschlagenen Felshaken, gerade denen, die nur wenig und noch dazu horizontal in Felsspalten stecken, bin ich immer skeptisch, ob diese die Abseillasten halten werden. Doch haben wir eine Wahl? Einer lässt sich gleich mit der Hand rausziehen und muss vor dem Abseilen mit einer Schlinge gesichert werden.
Irgendwann lässt sich kein Fixpunkt zum Abseilen finden: noch 10 m Seil, kein Haken, los weiter... noch 5 m Seil, kein Haken, kein Nichts, wird schon, weiter weiter... noch 2 m Seil, überhängendes Gelände, nichts zu entdecken, oh Mist, blöde Situation. Baumel, baumel ...
Erst mal Ruhe bewahren und überlegen. Was mach ich jetzt bloß?
Was ist denn das da? Da drüben, so 2 m unterhalb liegt ja meine kleine pinkfarbene Schlinge. Die hat wohl mein Partner verloren? Wie gut. Fatum.
Denn diese Zacke könnte doch zum Abseilen taugen? Muss eben eine Schlinge geopfert werden. Gesagt, getan. Hinunter geseilt und rübergependelt. Seil ist jetzt wirklich knapp. Stand bauen, Seil frei, „Kannst kommen“.
Die Verständigung nach 50 m Abseile ist so schon Asche, bei diesem Mistwetter komplett unmöglich. Nun baumeln wir beide an der Zacke, sie hält, und versuchen das Seil abzuziehen. Lieber Gott mache, dass der Verbindungsknoten an keiner Zacke oder Spalte hakt. Es ist eh schon Schwerstarbeit 50 m nasses Halbseil durch das kleine Auge vom Felshaken zu zerren. Und bloß das richtige Ende merken. Erst mal kommen mehrere Meter Seildehnung und dann, nichts bewegt sich. Es ist zum verzweifeln.
Lieber Gott, habe Erbarmen mit zwei verängstigten Flachlandtirolern. Ein kleines bisschen wandert das freie Seilende nach oben. Mühevoll, unsagbar langsam aber stetig. 5 m Ziehen - Pause. 5 m Ziehen - Pause…
Die Schinderei wärmt ein wenig, doch wie lange reicht die Kraft? Der Regen lässt etwas nach. Dafür fährt uns nun ein böig kalter Wind durch dass nasse Tuch und lässt uns bis in die Knochen erschauern. Beim abseilen schießt ein Wasserstrahl aus der Acht ins Gesicht. Wenn die tropfnassen Seile plötzlich in der Acht blockieren, springe ich wie ein JoJo durch die Wand: Auf und ab, vor und zurück. He aufpassen und nicht die Acht loslassen. Sehr nervig sind auch diese ständigen Seilfitze und überall verhaken sich die Dinger. Klamotten kommen geflogen. Deckung!
Nur noch 3mal abseilen, noch 2 mal, der Grund ist in Sicht. Optimismus macht sich breit. Letzte Seillänge, sanfte Landung auf dem Schneefeld. Endlich festen Boden unter den Füssen.

Der Herr sei gepriesen. Einen standhaften Atheisten lässt er eben nicht im Stich.
Wir haben es geschafft und sind ohne nachhaltige Deformationen zurück im Leben.
Selbst die Sonne lacht uns auf unserem Heimweg zu: „Alles richtig gemacht Jungs, na also, geht doch, auch ohne eine der vielen Plaketten am Felsenfuß, mit Nachruf und so.“
Aber ein bissel knapp war es schon. Die Bergwacht hat unsere Übung schon eine ganze Weile sehr interessiert vom Wandfuß aus verfolgt. Nun können sie sich in Ruhe den anderen Kandidaten widmen, die noch in den Wänden ringsherum ausharren…

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Kommentare
  • RdF54 20.08.2009 | 21:48 Uhr

    Da kommt man schon beim Lesen ins schwitzen und man sorgt sich unweigerlich um Euer Leben! Gott-sei-Dank seit Ihr heil davon gekommen und könnt jetzt von den Abenteuern erzählen.
    Gut und mitfühlbar ge- und beschrieben!

    LG Robert

  • enfrente 20.08.2009 | 22:31 Uhr

    Da schließe ich mich Robert an. Echt spannender Bericht....und gut geschrieben. lg Romy

  • trollbaby 24.08.2009 | 16:57 Uhr

    Meine Güte, was für ein Abenteuer! Gott sei Dank seid Ihr heil wieder im Tal angekommen! Sehr fesselnder Bericht!
    LG Susi

  • Lioness 28.08.2009 | 10:53 Uhr

    das macht lust aufs wandern dort!
    tolles bildmaterial!

  • Bille 28.08.2009 | 11:44 Uhr

    Uff. - Spannend und humorvoll geschrieben. Man war beim Lesen mit im Berg!

  • mamaildi 28.08.2009 | 15:52 Uhr

    Jetzt weiss ich, warum ich diese grandiose Landschaft lieber vom Wanderweg aus geniesse! Wir hatten übrigens diesen Sommer ganz ähnliches Wetter an den Zinnen, nur umgekehrt: als wir gestartet sind, war es lausig (Vorteil: keine anderen Wanderer, die sich ja sonst zu Hundertschaften dort tummeln), dramatische Wolkenfetzen, am Nachmittag goldenes Licht...
    Ein packend geschriebener Bericht, den man atemlos bis zur letzten Zeile mitverfolgt! Schön, dass ihr wieder unten seid! Liebe Grüße - Ildiko

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