Reisebericht

Reisebericht: Trecking in Kirgistan

 
 
 
 
 
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Hintergrund

Doggis Gerede von Kirgisien hatte ich früher nie richtig ernst genommen. Hatte mir unter diesem Ländernamen nur langweilige Steppe vorgestellt.
Eine Kameraeinstellung in dem Film "Long Way Round" änderte meine Meinung schlagartig. Im Sommer 2008 begannen wir die ersten Planungen. Im Oktober stand das Team, im Mai hatten wir auch die letzten Anschaffungen gemacht und im Juni die letzten Impfungen im Arm. Als Route hatten wir uns die im Buch: "Terskej-Alatau-Traverse von Kyzyl Suu nach Ak Suu, Trecking im Tienschan" von Kai Tschersich beschriebene Route ausgesucht, die wir nach zwei Tagen um ein paar Hochgebirgstage erweitern wollten.
Als Doggi dann unter seinen Kunden noch jemanden auftrieb, der jemanden kannte, der uns vom Flughafen in Almaty/Kasachstan zum Beginn unserer Treckingtour nach Karakol/Kirgistan fahren würde, war auch die letzte Kuh vom Eis und Simon, Doggi und ich konnten uns am 4.September 2009 von Frankfurt über Istanbul auf den Weg nach Zentralasien machen.



Samstag 5.09.09

 
 
 
 
 

(4 Stimmen)

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Der Flieger landet um 6:30Uhr in Almaty und hinterm Zoll wartet tatsächlich unser Taxifahrer auf uns. Waldemar kennt aber leider nur die Strecke von Almaty über die kirgisische Hauptstadt Bishkeck nach Karakol (ca. 850km) und leider nicht den Weg über Kegen (ca.350km). Sich auf eine Landkarte zu verlassen erscheint ihm allzu abenteuerlich und so verbringen wir den kompletten Tag bei ihm im Auto.
Als wir nach 11 Stunden Fahrt in Karakol ankommen beziehen wir schnell ein günstiges und gutes Hotel. Hier werden wir auch einige Sachen zurücklassen, die wir auf der Tour durch die Berge nicht brauchen.



Sonntag 6.09.09

 
 
 
 
 

(5 Stimmen)

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Bestes Wetter!
Noch kurz Wodka, Benzin und Zigaretten einkaufen, dann bringt uns Waldemar zum Beginn der Trecking Tour nach Kysyl Suu. Jeder unserer Rucksäcke wiegt etwa 30kg und auf den ersten Metern trifft mich diese Wirklichkeit wie ein Schlag. Nach einiger Zeit erreichen wir mit Chong Kysyl Suu das letzte Dorf für die nächsten zwei Wochen. Bekommen von ein paar Frauen noch ne Tütel Äpfel geschenkt die uns in den ersten paar Tagen eine willkommene Abwechslung zu dem mitgebrachten Expeditions-/Energiefraß bieten.
Als wir auf dem weiteren Weg ne Pause machen müssen, weil Simon wieder mit allzu großen Schritten voran stürmt, verwechselt Doggi zu unserer großen Schadenfreude die Vodka- mit der Wasserflasche ;-)
Auf einer Höhe von ca. 2200m erreichen wir die untere Baumgrenze. Bis hier hin gabs nur Steppe und einige Büsche. Jetzt fängt richtiger Nadelwald an. Wir treffen unterwegs einige Einheimische, die uns mit Freundlichkeit und großem Interesse begegnen.
Unser Tagesziel sind die heißen Quellen von Dschyluu Suu. Mit diesen Dingern habe ich noch eine Rechnung offen, sie hätten mich nämlich beinahe den Job gekostet.
Wollte vor einigen Monaten meinen beiden Kameraden von ihnen erzählen und hab die entsprechende eMail dummerweise nicht an Doggi und Simon sondern an meinen Hauptabteilungsleiter und die halbe Konzernspitze geschickt *AAAAHHHHH*.
Die Quellen sind radonhaltig und stinken wiederlich nach faulen Eiern, haben aber angeblich heilende Wirkung. Leider ist der Bau, den man darüber gesetzt hat zwar ziemlich neu aber schon total verrannzt. Ein Natursteinbecken im Wald wäre schöner gewesen.
Wir lagern einige Meter unterhalb der Quellen unter einem unbeschreiblich Sternenhimmel.



 
 
 
 
 

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Montag 7.09.09

 
 
 
 
 

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Morgens backen wir Brot und kommen erst um 11Uhr vom Lager weg. Nach ca. drei Stunden Marsch kommen wir auf eine wunderschöne Lichtung und überqueren auf einer abenteuerlichen Brücke den reißenden Kysyl Suu.
Hier teilt sich das Tal und wir halten uns rechts um ins obere Chong Kyzyl Suu Tal zu kommen. An dieser Stelle befindet sich eine meteorologische Station, die allerdings nicht mehr in Betrieb ist.
Im Laufe der ganzen Tour fragen wir noch mehrmals Einheimische, wie das Wetter werden soll und ernten neben verständnislosen Blicken immer nur Antworten wie: "Keine Ahnung", "Das weiß nur Gott" oder "Vielleicht gut, vielleicht schlecht". Hätten die Station hier oben vielleicht doch besser nicht geschlossen, die Kirgisen.
Als wir uns etwas weiter oben im Tal verlaufen und ne dreiviertel Stunde lang völlig sinnlose 300 Höhenmeter machen, schieben meine zwei "Mitreisenden" das ungerechterweise mir in die Schuhe. Fiesen Chweine.
Das Lager müssen wir abends mit einem "Bergseilweidezaun" gegen allzu neugierigen Rinder verteidigen.
Leider gehen heute schon die letzten Vodka Reserven drauf. Ab jetzt werden die Abende lang.



 
 
 
 
 

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Dienstag 8.09.09

 
 
 
 
 

(4 Stimmen)

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Heute verlassen wir die beschriebene Treckingtour und wollen ein paar Tage im Hochgebirge des Kotor Massivs verbringen. Wir legen daher ein Lebensmitteldepot an um nicht die Vorräte für zwei Wochen mitschleppen zu müssen.
Sobald man hier dir beschriebenen Routen verlässt fangen die Schwierigkeiten an. Schon die Überquerung der beiden Quellflüsse des Kyzyl Suu Flusses Kotor und Aschuu Tor ist nicht unkompliziert.
Der Aschuu Tor hat sein Tal zu einer gewaltigen Klamm ausgewaschen durch die wir nun ins obere Aschuu Tor Tal aufsteigen. Als es hier zum ersten mal wiklich steil wird, wird auch Simons Tempo plötzlich human. Hier bestimmt nicht mehr die Länge der Beine die Geschwindigkeit ;-).
Oberhalb der Klamm müssen wir lange über eine sehr Steile Wiese queren, die an ihrem unteren Ende in eine 200m hohe Felswand übergeht. Wir unterhalten uns noch darüber, dass dieses Stück bei feuchtem Wetter ein echtes Problem werden könnte.
Das Lager schlagen wir auf ca. 3500m auf einer Seitenmoräne des Kotor Gletschers auf. Durch die Gletscherschmelze in den letzten Jahren hat er sich aber gewaltig zurück gezogen und hängt heute aufgespalten in seine zwei Arme noch 100 Höhenmeter im Süden über uns. Wir suchen seine Moränen und Flanken abends noch lange nach einer möglichen Route ab und entscheiden uns schließlich, morgen den Aufstieg über die linke Seitenmoräne des rechten Gletscherarms zu versuchen.



 
 
 
 
 

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Mittwoch 9.09.09

 
 
 
 
 

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Nachts um eins wirds plötzlich so warm im Zelt, dass wir alle drei aufwachen. Es schneit. Auf dem Zelt liegen schon 5cm und isolieren ganz gut gegen die Kälte draußen. Es hört auch die ganze Nacht nicht mehr auf, so dass wir am Morgen 15cm Neuschnee haben. Jetzt gibts drei Möglichkeiten:
1.: Trotzdem aufsteigen und auf besser Wetter hoffen.
2.: Hier auf besser Wetter warten.
3.: Absteigen.
Da es immer noch schneit und wir vor der steilen Wiese beim Abstieg bei Schnee echt Respekt haben, entscheiden wir uns dafür, abzusteigen solange es noch geht.
Der Weg ist nicht mehr zu erkennen und den Einstieg in die Aschuu Tor Klam finden wir nur weil das Navi auf dem Hinweg den Track aufgezeichnet hat.
An unserem Lebensmitteldepot machen wir die kälteste und nasseste Pause meines Lebens und laden wieder alle Vorräte in die Rucksäcke. Wir steigen bis zur Klimastation am Zusammenfluss von Kyzyl Suu und Karabatak ab. Hier unten ist der Schee in Regen übergegangen und wir suchen lange nach nem halbwegs brauchbaren Lagerplatz.



Donnerstag 10.09.09

 
 
 
 
 

(10 Stimmen)

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Die Sonne scheint!!!
Wären wir doch besser gestern nicht abgestiegen. Naja, nachher ist man immer schlauer.
Heute gehts das Tal des Karabatak hinauf in Richtung Archa Tor Pass. Unterwegs nutzt Doggi das erste Mal das Satelliten Telefon, weil er ausgerechnet jetzt seine Hausarbeit wählen muss.
Am oberen Ende des Tales beeindruckt die über 5000m hohe Jeti Oguz Wand. Der Weg ist sehr schön aber mit unserem Gepäck auch ne echte Schinderei.
Wir biwakieren sehr schön auf ca. 3500m. Im Nordosten können wir in einiger Entfernung den 3930m hohen Archa Tor Pass erkennen. Sieht nicht so aus als wären dass noch 430Hm.
Da das Navi den Sonnenaufgang morgen für 6:20Uhr berechnet hat und wir den ganz gerne vom Pass aus beobachten würden, stellen wir unsere Wecker auf 4Uhr.



 
 
 
 
 

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Freitag 11.09.09

 
 
 
 
 

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In aller Frühe gehts ohne Frühstück los in Richtung Pass. Dass der Aufstieg über die hart gefrorenen Hänge im difusen Licht der Stirnlampen nicht leicht sein würde, war uns klar. Mit einer derartigen Strapaze hatten wir aber nicht gerechnet. Ca. eine Stunde lang sieht es so aus, als wären wir in 10 Minuten da. Irgendwann beginnen die ersten Gipfel in unserem Rücken, rot zu glühen und stellen damit eindrucksvoll klar, dass wir den Sonnenaufgang verpasst haben.
Um 6:40Uhr sind wir auf dem Archa Tor Pass, schmelzen Wasser, frühstücken und frieren.
Der nördliche Passberg gehört zu einer Gruppe von Bergen, die früher den Titel "Massiv der Freundschaft der Völker der UDSSR" trug. Hier unternehmen noch eine kleine Klettertour.
Auf dem Abstieg von diesem kleinen Ausflug mache ich noch ein paar Bilder und bin daher etwas später als die beiden anderen wieder im Sattel. In dieser kleinen Zwischenzeit scheint es ein Missverständnis zwischen Doggi und seinem Rucksack gegeben zu haben. Eigentlich heben wir uns die Rucksäcke immer gegenseitig auf die Schultern, schon um das Material zu schonen. Davon will Doggi jetzt nichts mehr wissen. Er wuchtet sich das schwere Teil mit viel Schwung selbst auf den Rücken. Das findet der Rucksack aber offensichtlich scheiße und verabschiedet sich sofort wieder über Doggis Kopf in den Schnee. Mit viel fluchen und schimpfen wird die störrische Tragetüte schließlich aum Rücken plaziert. Grimmig und ohne ein weiteres Wort gehts dann an den ca. 45° steilen Abstieg. Dauert keine zwei Minuten und der Rucksack liegt wieder im Schnee. Nur hat er seinen Träger diesmal mit gerissen. Als die beiden (Doggi und der Rucksack) schließlich am unteren Ende der steilen Passflanke angekommen sind, könnten sie sich gegenseitig ermorden. Der Abstieg ins Jeti Oguz Tal ist total matschig und sehr mühsam. Des ganzen Weg schmollen die beiden Streithäne und sagen kein Wort mehr. Erst im Tal findet Doggi die Sprache wieder.
Abends sitzen wir lange mit einigen Jägern zusammen und bewundern das gewaltige Panorama der Jeti Oguz Wand, die sich hier in ihren vollen Ausmaßen präsentiert.



 
 
 
 
 

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Samstag 12.09.09

 
 
 
 
 

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Wir kommen super spät am Lager weg und sind daher sehr froh, dass uns zwei Jäger für eine Tafel Schokolade, ne Packung Studentenfutter und vier Aspirin mit ihrem Pferd über den Jeti Oguz bringen. Dadurch brauchen wir nicht den weiten Weg bis zur Brücke über den Fluss zu nehmen und sparen ca. 1,5 Stunden.
Wir wandern am Ufer des Jeti Oguz entlang bis zum Zusammenfluss mit dem Teleti Fluss. Hier biegen wir rechts ab und folgen dem Teleti Tal in Richtung Teleti Pass. Der Weg ist nun schrecklich schlammig und sumpfig. Auch die im Führer beschriebene Brücke über den Teleti finden wir nicht. Unser Lager schlagen wir schließlich am Ufer des Flusses auf einer halbwegs trockenen Wiese auf.
Hier wirds abends lausig kalt und so machen wir uns immer wieder was Warmes zu trinken. Irgendwann gibt allerdings der Kocher den Geist auf und produziert statt der sonst üblichen fauchenden blauen Flamme nur noch ein Grablicht ähnliches Flämmchen. Die Firma MSR hat die Düse auch intelligenterweise so fest in den Kocher geschraubt, dass man ungefähr nen ganzen Werkzeugkoffer braucht um sie los zu drehen. Ohne Kocher kommen wir aber nicht über den Pass. Nach langen Diskussionen beschließen wir schließlich es mit dem Flaschenöffner von Simons Schweizermesser und brutaler Gewalt zu probieren. Wir haben noch ein Messer mit und wenn an einem der Flaschenöffner abbricht wäre das nicht so schlimm. Allerdings müssten wir mit defektem Kocher die ganze Tour abbrechen. Aber wir bekommen die Düse los und das Messer hält. Nach einer halben Stunde Reparatur und vielen vergeblich Versuchen, läuft er schließlich wieder.
Krass, wie abhängig man von so kleinen Dingen sein kann.



 
 
 
 
 

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Sonntag 13.09.09

 
 
 
 
 

(3 Stimmen)

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Neben unserem Zelt liegt ein riesiger Felsbrocken im Flussbett, allerdings fließt das gesamte Wasser auf der rechten Seite vorbei. Der linke Arm ist völlig ausgetrocknet. Was liegt da näher als zu versuchen, den ganzen Fluss wieder durch den linken Arm zu leiten. Wir machen heute also mal nen Tag Pause und verbringen ihn auf der "Baustelle".
Am Nachmittag taucht unten im Tal plötzlich ein einsamer Wanderer mit rotem Hemd auf. Jürgen macht die gleiche Tour wie wir und ist die letzten Tage unseren Spuren gefolgt. Wir schlagen unsere Lager gemeinsam etwas oberhalb unseres letzten Lagerplatzes auf und sitzen Abends noch lange am Feuer und genießen gemeinsam den weiten Blick in das menschenleere Teleti Tal und den mal wieder gigantischen Sternenhimmel.




 
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Kommentare
  • trollbaby 15.11.2009 | 10:56 Uhr

    Eine Trekkingtour wäre definitiv nichts für mich (will mich ja nicht umbringen), andererseits komme ich so aber um das schöne kirgisische Bergpanorama! Naja, muss mir halt Deinen Bericht immer wieder durchschauen! :-) Toll und humorvoll geschrieben und schöne Fotos! War ein Vergnügen, im warmen Wohnzimmer "mitzureisen"! :-)
    LG Susi

  • RELDATS 27.01.2010 | 13:07 Uhr

    Deine Story (incl. Fotos) hat mir wirklich gut gefallen.
    Nette Grüße von Josef

  • debby83 27.01.2010 | 21:06 Uhr

    Tolle Tour, schön geschrieben und schöne Fotos. Habe deinen Bericht mit Freude gelesen und direkt Lust bekommen irgendwann vielleicht mal selbst in die Gegend zu reisen....

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