Reisebericht

Reisebericht: Podkarpackie: Perle der Natur im Herzen Osteuropas

 
 
 
 
 
Reisebericht: Podkarpackie: Perle der Natur im Herzen Osteuropas

Im Dreiländereck zur Ukraine und Slowakei liegt die südöstlichste Region Polens- Im Dreiländereck zur Ukraine und Slowakei liegt die südöstlichste Region Polens- Podkarpackie, zu deutsch 'Vorkarpaten'. Hier trifft man sehr verschiedene Dörfer, die früher von ethnischen Gruppen Lemken, Bojken und heute von Pogórzan und Lasowiaków bewohnt wurden. Ursprünglichkeit und unberührte Natur kennzeichnend.

Störche, Schweijk und braune Bären – Erlebnisregion polnisches Dreiländereck

Durch saftig-grüne Wiesen, umsäumt von undurchdringlichen Wäldern, rumpelt der Kleinbus mit unserer Gruppe, die kleinen, malerischen Dörfer erscheinen mir, als sei die Zeit hier stehen geblieben. Bin ich nicht erst gestern in der nun 200 Kilometer entfernten Metropole Krakau gelandet und in diese Region, Podkarpackie, zu deutsch „Vorkarpaten“, gefahren? Bin ich hier nicht nur 1000 Kilometer östlich von meiner westdeutschen Heimat entfernt? Mir kommt es vor, als sei ich in eine andere Welt eingetaucht, eine, in der die Uhren noch anders ticken, in der Ruhe und Entspannung im Einklang mit der Natur herrschen. Ist es wirklich so, ist das ein lebendes Freilichtmuseum oder ist hier die Welt einfach noch in Ordnung?
Und während ich meinen Gedanken so nachhänge, lassen wir die weitläufige Natur einen Moment hinter uns und gelangen in die Stadt Krosno. „Kleinkrakau“ wurde sie einst genannt, im 16. Jahrhundert zählte sie zu den schönsten und reichsten Städten Polens. Einzigartig architektonisch ist seine Altstadt, besonders der Marktplatz verdeutlicht den ehemaligen Glanz dieser Stadt bis heute.
Nicht weit von Krosno – nur etwa 15 Kilometer – liegt die Wiege der Erölindustrie. Ja, tatsächlich hat hier im 17. Jahrhundert Ignacy Łukasiewicz als erster Erdöl destillliert und Petroleum daraus gemacht. Nicht im fernen Texas oder in den arabischen Wüsten, sondern an dieser Stelle Europas begann die Geschichte der Erdölförderung und noch bis heute wird hier – in sehr geringen Mengen – Öl aus der Tiefe zu Tage geholt.



Nach soviel technischer Kuriosität geht unsere Reise weiter durch die Wildnis der Natur in Richtung Sanok. Belustigt schaue ich in die umliegenden Wälder und stelle mir die Räuberbanden vor, die hier bis ins 19. Jahrhundert auf Reisende und vor allem fahrende Händler gelauert haben sollen. Diese Gegend, mit einem der damals wichtigsten Wein-Handelswege nach Ungarn war bekannt für seine zahlreichen Überfälle, allerdings nur im Sommer, im Winter war es den Räubern zu kalt und sie blieben versteckt in den Wäldern. Berühmt ist Sanok und seine Umgebung auch durch die Figur des braven Soldaten Schweijk, der hier im I. Weltkrieg mit der k.u.k.-Armee stationiert gewesen sein soll. Und da treffen wir ihn auch direkt an, als wir in Sanok durch die '3-Maja-Straße' im Zentrum schlendern. Auf einer Bank sitzt er, nachgebildet in Bronze und lädt uns zu einem Foto als Andenken ein.



Immer tiefer dringen wir in die Region ein, nun sind wir nur noch gute 15km von der Grenze zur Ukraine entfernt, als wir uns auf dem Weg zu unserer Unterkunft im Ort Dźwiniacz Dolny befinden. Doch was ist das? Stakst dort ein Storch durch das Gras? Ja, Störche gibt es hier noch viele, erklärt mir Reiseführer Stanisław. Sie leben meistens in der nähe der Dörfer in direkter Umgebung der Menschen. In Deutschland fast ausgestorben sind sie hier keine Seltenheit. Weiter geht es über Stock und Stein, die Wege werden immer unebener. Vorbei an einer der zahlreichen Holzkirchen, die für diese Gegend so typisch sind. Meist greco-katholischer oder orthodoxer Konfession, prägen sie das Bild der Region Podkarpackie und fügen sich stimmungsvoll in die dörfliche Atmosphäre ein. Die älteste dieser Kirchen steht in Haczów und ist aus dem Jahr 1388. Sie wurde sogar auf die UNESCO-Liste des Weltkulturerbes aufgenommen erklärt Stanisław, der Mann mit der landestypischen Tracht, der uns als Reiseleiter zur Seite steht und offenbar jedes Detail dieser Region zu kennen scheint. „Hier wohnt der Bär“ schreckt er uns mit lauter Stimme auf und zeigt auf ein Waldstück oberhalb des Dorfs Dźwiniacz Dolny, in dem wir heute übernachten. Noch etwa 125 Bären gibt es in dem Gebiet Bieszczady, dem 29.000 Hektar großen Nationalpark in Podkarpackie mit seinen tiefen Wäldern, wilden Flüssen und bis zu 1300 Meter hohen Bergen. Wölfe, Luchse und sogar Wisente finden hier ihre Heimat. Adler und Falken sind die Herren der würzig schmeckenden Lüfte dieser Gegend.



Endlich angekommen an unserem agrotouristischen Quartier nahe der Stadt Ustrzyki Dolne, freuen wir uns auf ein regionaltypisches Abendessen. Aber so einfach ist die Sache nicht. Erst dürfen wir noch erleben, wie dieses gefertigt wird. Wir begeben uns zu dem Bäcker Józef Łabuda, der hier im Ort Dźwiniacz Dolny Brot nach einer einzigartigen Rezeptur erzeugt: Auf Meerettich- und Kohlblättern wird in einem Holzofen das Brot gebacken, eine Köstlichkeit, die uns auf der Zunge zergeht. „Einmal im Jahr veranstalten wir hier ein Brotfest“ erzählt Roman Glapiak, Inhaber der Bäckerei. „Da kommen aus der ganzen Region Menschen angereist, sogar aus Deutschland waren schon welche hier“ erklärt er stolz, denn das Fest, das jährlich am 10. August stattfindet ist eine echte Attraktion in Podkarpackie.
Beindruckt beenden wir diesen Reisetag und freuen uns auf einen weiteren Höhepunkt, die Fahrt mit einer Schmalspurbahn. Eine sehr abwechlungsreiche Strecke entlang des Flusses Solinka erwartet uns von dem Ort Majdan nach Cisna und Dołzyca und erföffnet dabei den Blick auf immer weitere Panoramen an der Grenzkette des Bieszczady-Massivs.
Auf dem Weg zu unserem Einsteige-Bahnhof Przysłup halten wir jedoch am Stand des Griechen Nikos Monolopulos, ein Unikum in der Region, der in den 50er Jahren hier einwanderte und als einziger den Käse 'ser wołomski' herstellt. Griechischer Käse aus Polen, das ist wirklich einmalig.
Ebenso kurios wie das Weingut Jasil, das wir einige Tage zuvor in Jasło besucht haben und in dem jährlich etwa 4.000 Liter roter und weißer Rebensaft gekeltert werden. Polen als Weinland – eine weitere Überraschung, die uns ins Staunen versetzt.



Lemberg - die 'heimliche Hauptstadt der Ukraine' im Grenzgebiet zu Polen

Uns zieht es weiter nach Osten. Ein Schlenker in das heute ukrainische Lemberg, ehemals eine polnische Stadt, reizt uns und wir gelangen zum Grenzort Medyka. Da ist sie also, die neue Außengrenze der Europäischen Union. Besorgt blicken wir hinüber zu den ukrainischen Grenzposten, deren Auftreten an längst vergangene Zeiten des Ost-West-Verkehrs erinnert. Bis hierher ist nun die Ostgrenze Europas vorgerückt- und hoch gesichert. Endlich – nach einigen Stunden Wartezeit, dank der geschickten Verhandlungen unseres Reiseführers mit den Grenzposten, unseren Wagen nun doch nicht komplett zu durchsuchen, sind wir in der Ukraine und gelangen nach 40 Kilometern in die Stadt Lemberg. Hier verfliegt schlagartig mein erster Eindruck vom unsicheren Osten. Der junge Staat Ukraine – es gibt ihn ja erst seit 1991 – in der traditionsreichen Stadt Lvuv (Lemberg) zeigt er sich farbenfroh: Überall junge Leute, ein lebendiges, aber nicht chaotisches Treiben, hervorragend restaurierte Gebäude wie die Lemberger Oper oder zahlreiche Handelshäuser der Innenstadt tragen zu einem positiven Erlebnis ebenso bei wie der unverzichtbare - Besuch bedeutender Sehenswürdigkeiten. Die Besichtigung der ältesten Apotheke der Ukraine, der armenischen Kirche oder einfach ein Bummel durch die Altstadt lassen uns das Flair dieser „heimlichen Hauptstadt der Ukraine“ mit seinen unterschiedlichen Nationen aufsaugen und die Stadt liebgewinnen. Ein echtes Erlebnis ist der Besuch des „Partisanenverstecks“, einem Restaurant in der Altstadt, das an die Partisanenzeit der Ukrainer während des II. Weltkriegs anknüpft und wirkunsgvoll die Lebensart und Feierlust der heutigen Bevölkerung wiedergibt.



So endet unsere Tour durch diesen südöstlichen Zipfel Polens im Dreiländereck zu Slowakei und Ukraine in Rzeszów, der Hauptstadt der Region. Während ich so auf dem einladenenden Markplatz des Ortes in einem der zahlreichen Straßencafes den Abend verbringe, im Treiben des gerade stattfindenen Sommerfestivals untergehe, lasse ich die vergangenen Tage noch einmal an mir vorbeiziehen. Die eindrucksvollen Naturerlebnisse, die prunkvollen Schlösser wie das in ?ancut, die gewaltige Orgel der Berhadiner-Basilika in Leźajsk, Holzkichen, die heilige Madonna von Jasien, den Solina-Stausee mit seinen Segelbooten, Weingüter, Bären, die deftige Küche und die vielen Gesichter und Geschichten aus den Vorkarpaten sausen in meinem Kopf umher. Eigentlich, denke ich wehmütig, müßte man länger hier bleiben, um die Schönheiten dieser Perle Osteuropas in seiner ganzen Vielfalt zu erleben.

Philip Duckwitz



Wie kommt man hin?

Der schnellste - und preiswerteste - Weg ist die Flugverbindung mit einem 'Billigflieger' (beispielsweise mit easyJet von Dortmund) nach Krakow und von dort mit dem Zug nach Rzesow und in die Region. Alternativ geht es mit dem Auto ab dem Grenzübergang Görlitz auf der A4 immer geradeaus in Richtung Rzeszów.

Daten und Fakten zur Region:

Die Woiwodschaft Podkarpackie liegt im Südostpolen und grenzt auf einer Länge von 134 km an die Slovakei und auf einer Länge von 236 km an die Ukraine. In der Woiwodschaft Podkarpackie wohnen 2.097 Mio. Einwohner, also 5,5 % der Gesamtbevölkerung Polens.
Sprachen: Amtssprache ist polnisch, ukrainisch wird im Grenzgebiet teilweise als Zweitsprache gesprochen. Englischkenntnisse sind bei jungen Leuten vorhanden.
Klima: im Winter Minustemperaturen bis etwa -15°C, im Sommer bis etwa 28°C, ganzjährig Regen möglich.



 
 
 
 
 

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Kommentare
  • Gerd-Krauskopf (RP) 02.06.2008 | 14:51 Uhr

    Ein wunderbarer Reisebericht, der Lust auf dieses Land macht. Sehr informativ geschrieben mit vielen schönen Tipps. Da möchte man gleich die Koffer packen...

  • Lily 04.06.2008 | 23:42 Uhr

    sehr schön ist dieser Reisebericht ,er bringt meine Kindheits-Erinnerung zurück.Ich verbrachte in dieser Region Ferien in Jugend-Heimen.Später als Teenager besuchte ich die historische und schönste Stadt in Polen-Krakau.Ich selbst lebte zeitlang in der süd. Stadt-Gliwice.

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