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Reisebericht: Die Goldwäscher vom Lemmenjoki
"Irgendwann werde ich auch da rausgehen und Gold suchen!", schwört Juha mit ernster Stimme. "Und wenn es erst in der Pension ist!" Da draußen, das ist Lappland. Der nördlichste Teil Europas. Bekannt für seine Rentiere, die farbenfrohen Trachten der Samen und die Mitternachtssonne. Für seine endlose Weite, seine Abgeschiedenheit und seine Wildnis. Und für die Reinheit seines Goldes! Am Oberlauf des Lemmenjoki, 200 Kilometer nördlich des Polarkreises, liegt eines der produktivsten Goldgebiete Lapplands.
Nach dem großen Goldrausch Mitte des vorigen Jahrhunderts schien wieder Ruhe einzukehren am Lemmenjoki, dem "warmen Fluss". Doch an den kleinen Zuflüssen und Fjellbächen haben sich bis heute über 50 aktive Claims und 22 Bergbaugebiete erhalten. Gut eineinhalb Stunden Fahrt mit dem Motorboot flussaufwärts und dann stundenlang zu Fuß durch Wälder, Bachläufe, über Hügel und durch Sumpfgebiete - zufällig gelangt niemand zu den Goldwäschern.
Juha Jompanen kennt diese Gegend wie seine Westentasche. Er betreibt einen Fährbetrieb von Njurgalahti, der letzten Ansammlung von Häusern vor der Wildnis, hinauf zum Goldgräbersteg von Kultasatama. "Jeden Tag fahre ich die Strecke zumindest zweimal. Einmal um zehn Uhr morgens und das zweite Mal um fünf Uhr abends." Die Betonung legt er ganz bewusst auf die Abfahrtszeiten, denn Pünktlichkeit und Verlässlichkeit sind in der weitläufigen Abgeschiedenheit Lapplands eine Notwendigkeit.
Der Duft von frisch gekochtem Kaffee zieht durch die schummrige Gaststube des Ahkun Tupa. Neben dem Fährbetrieb betreibt die Familie Jompanen auch dieses Restaurant direkt am Fluss. Juhas Ehefrau Margetta serviert dampfenden Rentier-Eintopf, die Spezialität des Hauses. "Das hier geht vor", sinniert Juha zwischen seinen Goldgräberträumen. "Die Familie, das Restaurant, der Fährbetrieb." Er ist sich seiner Verantwortung bewusst. Das harte Goldgräberleben muss warten.
"Mein Großvater war einer der großen Pioniere und wir besitzen noch heute einen eigenen Claim", erzählt Margetta stolz. Aber reich werden mit der Goldwäscherei? Sie schüttelt den Kopf. Die kleinen Nuggets an ihren Ohrringen fliegen mit. "Wenn du mit der Hand wäschst, dann sind Nuggets mit zwei bis drei Gramm Gewicht die größten, die du normalerweise findest“, erklärt sie. „Die sind geeignet für Schmuck, bringen aber kein Geld.“ Sie öffnet eine kleine Plastiktube und legt ein münzgroßes Goldstück auf den Tisch. "Das hier hat 11,6 Gramm. Das größte, das wir je gefunden haben.“ Dieses Gewicht ist auf dem Goldmarkt keine 300 Euro wert. Größere Nuggets in Originalform hingegen sind bei Investoren sehr beliebt. Für Nuggets wie jenes, das im Juli mit 193 Gramm am Ivalojoki gefunden wurde, werden einige 10.000 Euro bezahlt. Oftmals sogar mehr. „Um an solche Stücke ranzukommen, brauchst du aber große Maschinen, die tief graben können“, wirft Juha ein. Das Stück vom Ivalojoki lag in 15 Meter Tiefe.
Die Jompanen wissen sich als wichtigen Bestandteil des Goldrausches am Lemmenjoki. Und das nicht nur aufgrund der Familiengeschichte. "Ich fahre jeden verdammten Tag auf diesem Fluss", erklärt Juha. "Von April bis Oktober. An manchen Tagen bin ich bis zu acht Stunden draußen - bei jedem Wetter!" Als hätte er sich ein Stichwort gegeben, wirft er einen prüfenden Blick aus dem Fenster und durch den dahinter fallenden Nieselregen hinunter zum Steg. Trotz des unwirtlichen Wetters treiben sich mehrere Gestalten vor seinem Boot herum - Goldwäscher, die eingepackt in grelle Schwimmwesten auf ihren Fährmann warten. Juha schlägt seinen Kragen hoch, reibt sich die Hände warm und stapft in den Regen hinaus. Es ist fünf Minuten vor Fünf.
Immer wenn Juhas Boot am Goldwäschersteg anlegt, herrscht reges Treiben. Sofern man sechs Personen überhaupt als Treiben bezeichnen kann. Es werden Hände geschüttelt. Erfahrungen ausgetauscht. Taschen und Kartons wechseln ihre Besitzer. Nach wenigen Minuten ist alles vorbei. Das Heulen des Motors verschwindet in der Ferne und zurück bleibt der nun wieder menschenleere Steg, mehr als 35 Kilometer von der nächsten Siedlung entfernt.
Trotz seiner derben und kniehohen Gummistiefel legt Jouni ein halsbrecherisches Tempo vor. Mit schlurfenden Schritten, doch äußerst geschickt und schnell bewegt er seine hühnenhaften zwei Meter Körpergröße durch die Wildnis. Während der fast drei Stunden Fußmarsch durchs Nirgendwo erzählt er unerwartet bereitwillig aus seinem Leben. Mit Feuer in den Augen und ausholenden Gesten berichtet der 58jährige von winterlichen Abenteuern, wenn er auf Langlaufskiern 250 Kilometer quer durch das verschneite Lappland fährt. Nur mit Zelt und Rucksack. Und seinem Hund. Der Redeschwall ist kaum zu stoppen. Das lange Alleinsein kann auch mitteilsam machen. Gut versteckt an einem bewaldeten Hang über dem Bächlein Ruihtuäytsi liegt seine Hütte. Fast wäre er selber daran vorbeigestapft. Seit über zwanzig Jahren ist Jouni ein Digger, ein Goldwäscher. "Ich gebe es zu, ich bin infiziert von diesem Goldfieber. Es ist wie eine Jagd“, erklärt er euphorisch. Jedes Jahr wenn der Schnee schmilzt, zieht es ihn in die Wildnis. Vor vier Jahren hat er die 15 Quadratmeter kleine Hütte neu gebaut. Fließend Wasser gibt es nicht. Das bisschen Strom fürs Funktelefon kommt aus einem Solarpanel hinterm Haus. Das Plumpsklo findet man etwas abseits an einem Hang. Weiter unten am Bach steht sogar eine Sauna. Ohne eine solche geht es bei den Finnen auch in der Wildnis nicht.
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Wunderbar geschrieben und mit stimmungsvollen Fotos untermalt: ein toller Bericht!
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Worte & Bilder in der richtigen Mischung ... und nach wenigen Minuten befinden wir uns am Oberlauf des Lemmenjoki und spüren das eiskalte Wasser im Gesicht! Ein phantastisches Gefühl...
Gerhard -
Ein Bericht wie der Norden selbst: ruhig, klar, voller Gefühl ... fünf Punkte!
LG Beate -
Liebe Beate, vielen Dank für Deine Bewertung und Dein Feedback. Es war eine sehr intensive und bereichernde Zeit mit den Menschen dort oben. Schön, dass dich unser Beitrag berührt hat. Lg Florian
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Hallo, mal ein ganz anderer Bericht. Auf eine ganz tolle Art, es macht einen richtig zufrieden, wenn man das liest. Danke für diese schönen Worte und Bilder. lg Christian!!
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Ist kein typischer Resiebericht. Ganz und gar nicht. Aber er scheint anzusprechen und zu berühren. Es freut mich, dass er Dir gefallen hat! Vielen Dank für Deine Worte! Lg Florian
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Ein Bericht, wie er direkt auch in der Heftausgabe des Geo zu finden sein könnte. Tolle Gabe, etwas derart lebendig erzählen zu können.
Und übrigens vielen Dank für die positive Bewertung meines Lappland-Reiseberichtes!!!!
LG Kongo -
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Dein Bericht über den Kungsleden hat inspiriert. Der schwirrt bei uns auch schon lange im Hinterkopf herum*g*. Mal schauen, ob wirs irgendwann mal schaffen. Lg und noch viel spaß beim Reisen und Schreiben. Florian
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Kann mich den anderen nur anschließen. Sehr gelungen!!! Lg
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Der Norden ist für mich noch "Neues Land" und daher danke für die Inspiration!
Klar volle Punktzahl!
LG Robert -
Dieser Beitrag hat den Geist erweitert und das Herz bereichert. Du verstehst es, den Goldgräbern ein Gesicht zu geben - ich lese den Beitrag und bin mittendrin im Flußbett oder staubigen Stuben. In einer Welt, in der das Ziel eingezeichnet ist, der Weg aber nicht. "Suchen und finden zählt. Nicht haben" - ein weiterer Ausspruch, für den es sich lohnt auf Reisen zu gehen, neugierig zu bleiben und nachzufragen. Auch von mir: Volle Punktzahl.
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Wunderschoener Bericht! Voller Gefuehl, Ruhe und einem Ziel vor Augen...! Toll! Mit Gaensehaut gelesen !
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